Wilder Osten

Der Wilde Osten: Der Anfang der Gentrifizierung

Das waren noch Zeiten, als der Neoliberalismus noch Globalisierung hieß, und die Verdrängung durch steigende Mieten noch Gentrifizierung genannt wurde. Aber alles geschmolzener Schnee von gestern, denn das Jetzt ist so strahlend und schön, wie es in der Vergangenheit immer beschrieben wurde.

fight gentrification graffiti

Vor langer Zeit und teils auch in einem fernen Land lebten einige vornehme Haie in einem ausreichend großen Becken. Das Becken war begrenzt, denn den Haien war es aus verständlichen Gründen nicht gestattet woanders zu schwimmen. Sie waren zu recht gefürchtet und doch hofften sich einige Wächter der Haie, sie könnten ja was davon abbekommen, wenn sie den Haien mehr Spielraum geben. Sie öffneten ein Tor nach dem anderen und die Haie fraßen sich satt. Die Wächter waren erbost, warum bekommen wir denn nur so wenig und ihr so viel. Weil ihr es nicht könnt!, riefen die Haie den Wärtern zu. Wir können es besser! Und sie fraßen und fraßen und niemand mochte sie mehr zurückhalten. Und als es nichts mehr zu fressen gab, sagten die Haie zu den Wärtern: Ihr seid schuld. Wir sind Haie, das ist unsere Natur. Jetzt erst verstanden die Wächter, was sie getan haben. Aber da war es zu spät und alle starben.

Hier ist die Weisheit. Wer Verständnis hat, berechne die Zahl; denn es ist der reichen Menschen Kontostand; und die Zahl wird geschrieben von der unsichtbaren Hand!

Ach, Du liest immer noch? Na dann mal sehen, was ich noch so bieten kann. Wie wäre es mit einer langweiligen Geschichte, die die Menschen schon in den 90er Jahren das Schnarchen lehrte. Es ist die trockene Story von fader Gier und gleichgültigen Entscheidungen. Sie spielt vor dem Grau von Ost-Berlin. In den Tagen als Kinder-Techno durch die Radios trällerte, lebten wir auf der Insel der Glückseligen. Doch die Linksgrünwoken, wie man sie heute liebevoll umschreibt, hatten schon damals recht. Sie waren die gelehrten Spielverderber, die der unsichtbaren Hand verboten, der Gesellschaft unter den Rock zu fassen. Aber es war der Mehrheit eben egal und so verhallten die Warnungen. Erst wenn die Klinge des Betroffenseins in der kapitalen Sonne aufleuchtet, beginnen die Ersten zu verstehen. Wenn sie zugestochen hat, weinen wieder alle. Aber wir wurden gewarnt, wie es immer schon der Fall war. Vielleicht warnte schon eine oder einer vor 300.000 Jahren seinen Stamm davor, dass der Schamane die Drogen unter der Hand hat, das könnte zu einem irren Glauben an übernatürliche Wesen führen, denen wir unsere gesamte Existenz unterordnen. Aber niemand wollte es hören.

Unseren Helden in den alten Tagen erging es gleich. Gelegentlich erschallte ein Lachen, aber in der Regel war Gleichgültigkeit die bestimmende Einstellung zur Gentrifizierung. Die schon damals hieß: Du bist arm, Du wohnst bald woanders! Wobei man fairer Weise dazusagen muss. Das hat sich heute geändert. Der aktuelle Slogan, den die CDU meint, aber nicht ausdrückt: „Du bist arm, du wohnst bald gar nicht mehr.“ Und das meinen die doch nur gut, denn das  unverteilte Kapital will doch nur spielen. Dafür erhält Susi, die Tochter des Chefs, einen dritten Porsche.

Die neue, neoliberale Gleichgültigkeit wurde mit einem Schuss Zukunftsverheißung garniert, der sich in einem neuem Hausanstrich äußerte. Und wie die angestrichen wurden, es wurde so schön, dass es exklusiv wurde. Denn diese Schönheit sah die Schönheit der Armut nicht vor. Nur jene sorgten sich, die auch die andere Wange hinhalten, wenn es dafür Geld gibt. Sie sorgten sich natürlich nicht um die Belange der Menschen vor Ort, es ging ihnen selbstverständlich allein um die Interessen der Heuschrecken. Schließlich ging es um Arbeitsplätze, der Heilige Geist der Dreiphalligkeit mit Eichenlaub. Und während sich die Nutznießenden die Taschen vollgestopft haben, stand die CDU Schmiere. Berlin verkaufte in den 90er Jahren sein Tafelsilber, um die Mäuler der Spekulierenden zu füllen.

Berlin hatte mal richtig viel Wohnraum. (Ich verweise auf das Beweisstück A, der Bericht über das Wohnen in den 90er Jahren.) In Marzahn (oder Hellersdorf?) riss man sogar Plattenbauten ab, weil die Wohnungen nicht mehr lukrativ waren. Puh, das ist heute ein Stich in die Investor*innenseele. Aber gleichsam machte sich ein Effekt breit, der als Gentrifizierung durch die akademischen Hallen raunte. Vielleicht könnte man auch monetäre Deportation dazu sagen? Die Heuschrecken ereilten Berlin aus zwei Gründen: Junge, kreative Köpfe, die hier wegen des günstigen Wohnraums lebten, und die von einer äußerst ausgeprägten Kulturszene angezogen wurden. Und die alternative Szene in Berlin warnte und warnte. Ihre Quelle war die Sozialwissenschaft. Ganz richtig, damals war schon klar, was sich jetzt abspielt. Sehenden Auges rasten wir ins Tal der sozialen Missstände. Ja, auch der Ursprung dessen ist kein Geheimnis. Die CDU unter Kohl schuf die Gemeinnützigkeit von Wohnraum ab. Wohnraum wurde damit komplett dem Markt übergeben. Ausnahmsweise trifft die SPD dabei mal keine Schuld, aber – wie wir heute wissen – ist sie mittlerweile auch auf den Zug aufgesprungen. Übrigens, auch das Aufkommen von Rechtsradikalismus wurde damals schon vorausgesagt. Erinnert irgendwie an die Herangehensweise beim Klimawandel. Hey, ich glaube, ich weiß, wie es ausgeht! Und hier, wie in anderen Fällen, gibt es einen ganz eindeutigen Grund dafür. Die Antwort befindet sich einige Klicks hinter diesem Link (Solidarisches.de). Aber das bleibt unser kleines Geheimnis! So einen Link zu klicken, das ist ein hartes Stück Arbeit. Aber Du wirst mit etwas belohnt, das … Ich will nicht zu viel verraten, aber es lohnt sich!

In den 90er Jahren war ein Klick noch keine Arbeit. Damals war die Computermaus noch ein Stück Hightech und das scrollen, wurde just erfunden. Zur selben Zeit, bestimmt könnte man dazu auch eine Verschwörungsgeschichte erfinden, erfolgte der Regierungsumzug von Bonn nach Berlin. Ein erster Störausläufer dessen, was der Teufel an die Wand malte, betraf Berlin-Mitte.

Hinweis: Folgende Zeilen könnten Spekulationen und persönliche Ansichten enthalten.

Das Regierungsviertel war die längste Zeit eine platte Wüste, aus der einige große Gebäude herausragten. Vor allem rund um das Kanzleramt stand kein Baum, nur Baustellen und märkischer Sand von der eingefassten Spree unterbrochen. In heißen Sommern verstarben hier die Insekten, weil sie keinen Schatten fanden. Doch unsere kleine Anekdote spielt in einer Zeit davor, als ein SPD-Kanzler noch nicht der Genosse der Bosse war. Gegen Schröder war Helmut Kohl ja noch fast christlich. Noch war also das Regierungsviertel ein Wahngedanke in den Köpfen der Architekten (Waren das nur Männer? Ich weiß nicht… Ja, oder?), aber dass die Regierungsbank nachziehen würde, war abzusehen.

Im Namen des Volkes erging folgendes Urteil: „Es werde Platz und sehet, es ward Platz geworden. Und mit dem Feuer des Fiskalen trieb man dem Bezirk Mitte die subversiven Elemente, die Berlin angezogen hatte, aus. Es war die Hexe aus dem Westen, die von der süßen Zukunft säuselte, und die Clubszene des Bezirks verwies.

Die Partys jener Tage waren nicht immer, sagen wir angemeldet. Das war selbstverständlich auch ein bisschen der Charme des Ganzen und es verdeutlichte den Unterschied des Haute Fete en ouest ou l’est de Berlin. Vielleicht täusche ich mich, aber ich hatte den Eindruck, dass auch die Partygemeinden jeweils unter sich blieben. Ossis gingen im Osten weg und Wessis im Westen. Das schwingt ja auch ein bisschen im Kiezleben mit, denn man verlässt seinen Kiez ja nicht unbedingt – zumal man alles Nötige gleich um die Ecke vorfindet. Doch im Laufe der Jahre fand die Stadt sich in Sachen Party zusammen, nur dass der Osten das Partyhimmelreich wurde. Der Ku‘damm war plötzlich die Friedrichstraße und was zum Geier ist das ‚Rock-Café‘? Es heißt ‚Hard Rock Café‘. What ever.

Im Geiste getrennt, aber im Charme der 70er Jahre mit einen Dekor im Stil des sauren Regens vereint, war die Architektur im Osten wie im Westen grauslich. Mitten hinein wuchs eine kleine, sterile Kapsel namens Regierungsviertel. Sie schluckte alles auf und plötzlich gab es keinen Club mehr in der zuvor sehr angesagten Gegend. Wie es genau verlief, mag sich die Fantasie bei Man in Black abschauen. Die Leute waren jedenfalls gründlich. So gründlich, dass man vom Alexanderplatz bis zur Siegessäule keinen Kaffee, geschweige denn ein alkoholisches Getränk erwerben konnte. Wenngleich ich mich nicht an die Zeit davor erinnere, bzw. gesehen habe. Der partytechnischen Wüste im Zentrum der Stadt fiel auch der Laden ‚Eimer‘ zum Opfer. Der legendäre Eimer musste schließen. Wer erinnert sich nicht an die Partys‘ im ‚Eimer? Das heißt, daran, dass man auf der Party gewesen sein soll. Es war der Auszug der Clubs aus der Citylage. Das Ende des Tacheles war ein leuchtendes Mahnmal des Auszugs der Clubs aus der Mitte Berlins und es mahnte uns, was uns bald allen bevorstand.

Aber die Macht der kognitiven Verdrängung ist quasi grenzenlos. So lange es noch nicht bedeutete, Hellersdorf in Betracht zu ziehen, war der Kopf im Sand sicher. Allerdings machte sich Lichtenberg als Ausfallgebiet warm. Denn nun bezog das geringe Einkommen, das schon mehr war, als was manch Mensch sein Eigen nennen konnte, zusätzlich Stellung in Friedrichshain und im Prenzlauer Berg.

Damit konnte man sich aber noch arrangieren. Schließlich war Wohnungs-Hopping damals schon ein Volkssport. Es gab Leute, die zogen alle paar Jahre um. Doch nun sahen sich manche gezwungen, sich nach günstigen Alternativen umzusehen – und die gab es damals durchaus noch. Wie gesagt, es war nur ein Ausläufer dessen, was noch kam. Was macht es schon, dass wir die Wohnungen verkauft haben, das SEZ sogar für einen Euro. War doch eine klasse Idee, diese Privatisierungen. Wir könnten doch zum Dank wenigstens eine Statue aus purem Gold dafür errichten, natürlich bezahlt vom Bodensatz der Gesellschaft.

Das Wort günstig konnte bald schon nicht mehr in Verbindung mit dem Prenzlauer Berg gebracht werden. Es kursierten die Gerüchte von Müttern, die der Party den Rücken zugunsten ihrer Kinder gekehrt hatten. Und es würden immer mehr werden! Verräterinnen! Der Ausdruck Baby-Berg machte die Runde. Die familiäre Ruhe und Party, das hatte schon auch so seine Widrigkeiten und als dann der Gott Dinero sprach: Du sollst Profit machen!, da fiel die kleine heile Welt schon etwas auseinander. Der Leistungsdruck nahm zu, wie eine sich absenkende Decke. Es war klar, dass Friedrichshain der nächste Domminostein des Immobilienkapitals sein würde. Die Umzüge nahmen drastisch ab. Jetzt hieß es, die Wohnung zu halten oder nach Hellersdorf umzuziehen. Heute würde man das mit einem Dankesschreiben, endlich fündig geworden zu sein, annehmen. Wer hätte das gedacht? Na die Sozialwissenschaft. Aber natürlich verstand man bei den Konservativen, wie man die Mieten dennoch steigern könnte. Da trafen sich also die Teufel in einem Raum und diskutierten, wie man noch mehr Geld aus der Welt ziehen kann. Da sagte ein Teufel: Ich weiß: Die Vermietenden dürfen die Renovierungsumlage einfach beibehalten. Auch wenn die Sanierung schon drei Mal reingeholt wurde. Bis zum Sankt Nimmerleinstag! Es wurde beschlossen und sie gingen zurück an ihre schwarzen Schreibtische. Natürlich muss man der Immobilienbranche Anreize für die Profitmaximierung geben.

In den 90er Jahren waren wir naiv. Wir glaubten den Verheißungen und waren erfüllt vom Glauben an die Zukunft. Man glaubte an die Wunder der Technik, wenn man auch noch nicht wusste welche, geschweige denn, wann und ob sie überhaupt erfunden werden. Der Kalte Krieg war Geschichte, die großen Diktaturen Europas brachen zusammen. Freiheit unter den Völkern? Eine gerechte Welt schien möglich. Könnten wir endlich den Hunger besiegen und eine Zeit des Weltfriedens einläuten? Eine Zeit wie bei Star Trek! Doch anstatt des glitzernden Traums der verheißungsvollen Zukunft tauschten wir unsere Seelen gegen den plumpen Plastikkommerz, dessen glänzendes Staniolpapier bald gerissen war. Inzwischen liegt das Plastik in seiner ganzen Hässlichkeit frei. Allmählich lösen sich Teile und tropfen uns ins Essen. Diese empfundene Renaissance der Aufklärung war in Wirklichkeit das letzte Aufbäumen der Ideale, die der Neoliberalismus brutal von hinten erschlug. Aber das Geschäft war natürlich bombig. Wann denkst Du, werden die Haie satt sein?

Entdecke die ganze Welt des Wilden Ostens. Der Überblick:

Wilder Osten. Kolumne über OstBerlin in den 90er Jahren. Wilder Osten. Kolumne über OstBerlin in den 90er Jahren. Wilder Osten. Kolumne über OstBerlin in den 90er Jahren. Wilder Osten. Kolumne über OstBerlin in den 90er Jahren. Wilder Osten. Kolumne über OstBerlin in den 90er Jahren. Wilder Osten. Kolumne über OstBerlin in den 90er Jahren. Wilder Osten. Kolumne über OstBerlin in den 90er Jahren. Wilder Osten. Kolumne über OstBerlin in den 90er Jahren.Wilder Osten. Kolumne über OstBerlin in den 90er Jahren.Wilder Osten. Kolumne über OstBerlin in den 90er Jahren.

4 Gedanken zu „Der Wilde Osten: Der Anfang der Gentrifizierung

  • Ich bin auch früherer Ossi, der Goldene Westen, die große Freiheit, war das Einzige, was mich damals beschäftigte, Westberlin, Hamburg , Australien, Titanic heben, klar, Freiheit ist das höchste Gut, und ich war so jung. Dann Ausreise!
    Die Rosaabrille war bald ab, aber meine Jugend genoß ich. Leider nun in den sehr späteren Jahren gemerkt, daß ich beizeiten meine Träume hätte wahrmachen sollen. Geld allein ist dafür heute – im Gegensatz zu Jugendzeiten – nötig. Ist nicht vorhanden. Meine Meinung: Die Betonköpfe in der DDR hätten uns die Freuheut lassen sollen, hätten uns nicht einsperren sollen, keine Verfolgung, kein Gefängnis für Unschuldige. Echten Sozialismus, echte Demokratue, dann müßte heute diese kapitalistisch-menschenfeindliche Bundesrepublik ihren Laden dichtmachen, um nicht frühzeitig (kommt später) bankrott zu machen, wie einst die DDR. Due Wiedervereinigung war ein großer Fehler.

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    • admin

      Es ist, wie es überall ist: Alle menschengemachten Probleme in der Welt entstehen durch die Konservativen. Hier und überall. Ohne eine CDU-Regierung würden wir in einem viel menschlicheren System leben.

      Antwort
  • Maria Grazia Orlandini

    Danke für deine schönen Beiträge ☺️, ich lese sie mir jetzt alle durch 😉🤓.
    Da du im Artikel die Frage stellst, waren die beteiligten Architekt:innen vom Gesamtkonzept im Regierungsviertel Axel Schultes und Charlotte Frank. Sie haben auch das Kanzleramtgebäude entworfen. Also doch eine Frau dabei 😉
    Liebe Grüße von einer „neu-friedrichshainerin“
    ☺️💫

    Antwort
    • admin

      Dank für das Lob und die Info! Und selbstverständlich, dass Du Dir alle durchliest 🙂

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