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Der Wilde Osten: Wohnen im Berlin der 90er Jahre

Ich hatte das Glück die Zeit des “Wilden Ostens” mitzuerleben. Der Blick zurück in diese Zeit, selbstverständlich verklärt von der jugendlichen Leichtigkeit, verspricht Nostalgie satt. Wollen wir?

Mit dem Alter schwindet das Bedürfnis nach Party, ich kann es nicht erklären. Es ist einfach passiert. Und mit dem Alter kommt man in die Verlegenheit, dass man so manchen Trend nicht mehr mitmacht, so manche musikalische Sensation verpasst und, in schlimmen Fällen, diese Zeit vergisst. Kein Fußbreit dem Vergessen! Doch mit diesem Prozess des Verfalls eignet man sich auch Angewohnheiten an, die man früher immer missbilligte. Das beginnt mit den körperlichen Zimperleins, es führt zum erfüllenden Alltag und vollendete sich in der individuellen Weisheit, deren höchster Ausdruck Satzphrasen wie “Früher war alles besser …” beinhaltet.

Zweiter Hinterhof in der Rigaer Straße 90er Jahren
Zweiter Hinterhof in der Rigaer Straße 90er Jahren

So mag es Dich kaum überraschen, dass ich so beginne: Früher war es besser. Also ich meiner Erinnerung, die tatsächlich keinen Tropfen Wehmut enthält. Das was war, war so wie es war gut. So war es eben – damals. Ich hatte das große Vergnügen, im Wilden Osten zu leben. Ich kenne den Wilden Westen nur aus Filme, daher also eher nicht. Aber im Gegensatz zum Wilden Westen war der Wilde Osten weitgehend von verheimlichter Liebe und aus der Gleichgültigkeit geborener Toleranz erfüllt. Berlin war die selige Insel des Richtigen, umgeben von viel Wut und rechtsradikalen “Einzelfällen”. Eine Zeit, in der noch alles möglich war – aus meiner Sicht selbstverständlich. Alles war im Umbruch und die Welt veränderte sich schneller, als man gucken konnte. Das, gepaart mit der Möglichkeit, ein unkritisiertes Dasein zu relativ günstigen Preisen zu fristen, war der stinkende und glitzernde Charme von Berlin oder sagen wir vom Ost-Berlin der 90er Jahre. Es gab so viel Raum für alternative Lebensformen, für Party und für das Leben selbst. Wir hatten eben richtig viel Platz.

Sicherlich, diese Räume waren vernachlässigt, zugig und ein Großteil stand einfach leer. Über all dem lag der rußige Geruch schlecht verbrannter Kohle ab Oktober in der Luft und der Boden war übersät von Hundeminen, sodass der Blick des gemeinen Friedrichshainer und der gemeinen Friedrichshainerin permanent den Boden danach absuchte. Die zitternden Fäuste in die Jackentasche gesteckt hatte der frostige Winter den einen Vorteil: Die Hundekacke war gefroren. Dafür war der Gestank der hündischen Fäkalien in den heißen Sommermonaten kaum mit Riechsalz zu verdrängen.

Wie gesehen, es war nicht alles, aber manches war besser. Dazu zählt sicherlich auch das Gefühl der Freiheit. Frei von Kontrolle durch Kirche, Polizei oder was so manche Zugezogenen betraf, frei von der dörflichen Aufsicht. Die soziale Kontrolle bestand im gegenseitigen Aushelfen mit dem Wenigen, das man sein Eigen nennen konnte. Ja, wir waren alle arm damals. Meine Miete belief sich roundabout 250 DM. Das sind 125 Euro. Dafür bekommt man heute nicht mal in Brandenburg eine Monatsmiete zusammen. Heute bewohnt der Geldadel weite Teile von Friedrichshain und so muss man in manchen Teilen Friedrichshains mit der standfesten Gewaltandrohung rechnen, wenn man sich auf fremdes Eigentum verirrt.

Aber für diese “rechtsfreien” Zeiten im Wilden Osten der 90er Jahre ging es sehr gesittet zu. Das betraf selbstredend nicht alle Teile von Berlin. Im Senat von Berlin regierte ein Herr Diepgen, der zusammen mit Klaus-Rüdiger Landowsky, das Land Berlin in den Berliner Bankenskandal bugsierte. Ja, es gibt keine rechtliche Gewissheit dafür, aber das Machwerk dieser beiden CDU-Politiker (sicherlich nicht allein), ist der Grund für Berlins hohe Verschuldung und war maßgeblich für den massenhaften Verkauf der Wohnungen in den 90er Jahren. Weil die Mieten bei Mietausfall von Berlin bezahlt wurden, machten die Vermietenden fortan immer Gewinn. Der – schelmenhaft ausgedrückt – korrupte Geschmack billiger Rendite lockte die Geier an, die seither über Berlin kreisen.

Das Wohnen damals konnte so günstig sein, dass man durchaus gut mit wenig Geld gut durchs Leben kommen konnte. Ja, es reichte sogar oftmals für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Allerdings musste man, vorausgesetzt man bewohnte eine der günstigen Kohlenheizungswohnung, noch einige Hunderter für die Kohle ansparen. Die Kohle brauchte man erst im Winter, daher war sie im Sommer günstig. Für eine Tonne Kohle musste ich das meiste Geld für meinen Sommer ausgeben. Im Sommer die Semestergebühr, später noch das Ticket oben drauf und dann noch die Kohle. Bei dem Kontostand hätte es nicht mal für eine Erholungsurlaubsreise nach Zehlendorf gereicht. Eine Kohlenheizung, sofern man richtig heizte und einen funktionierenden Ofen hatte, ist eine sehr angenehme Wärme. Sie ist nicht so trocken wie aus der Heizung und dennoch heimelig warm. Allerdings betraf das bei mir nur wenige Momente am Tag. Denn so eine Kohlenofenheizung bedarf eines ausgeklügelten Plans die Vorbereitung treffend.

  • Am Vorabend: die Kohle so stapeln, dass darin ein Feuer entfacht werden kann, versehen mit einer extrem hohen Dosis Grillanzünder, etwa im Maßstab 1 zu 10. Meine ersten Versuche, einen Block Kohle nebeneinandergestellt anzuzünden, endeten mit einer starken und unangenehmen Rußentwicklung, bei der meine Nachbarn glücklicherweise zuerst bei mir klingelten, bevor sie die Feuerwehr riefen.
  • Minus dreiviertel Stunde vor dem Aufstehen: Aufstehen und den Haufen entzünden.
  • Aufstehenszeit: Aufstehen und das untere Fach schließen, denn sonst pustet man die Hitze gleich mit durch den Kamin.

Der Ofen ist jetzt also etwas warm, aber der Raum noch nicht. Aber selbst wenn dem so gewesen wäre, besaß mein Badezimmer gar keinen Ofen. Das bedeutete, dass ich morgens den Tag verfluchte, als ich mir das Thermometer ins Badezimmer stellte, das mir schmerzliche acht bis zwölf Grad im Winter ansagte. Dann bin ich selbstverständlich barfuß im Schnee bei minus 15 Grad zur Uni gelaufen. Nein, Spaß. Mein Badezimmer in meiner ersten eigenen Wohnung in Berlin-Friedrichshain war eine umgebaute Speisekammer mit Toilette und einer Duschwanne. In der Breite maß der Raum ungefähr einen Meter. Selbst zum Zittern hatte man da keinen Platz. Ja, die Wohnung war toll, denn ich blickte anschließend wärmesuchend vom Ofen auf die graubraune Wand des Nachbarhauses. Immerhin keine neugierigen Blicke! Heute wäre es eine prima Projektionsfläche für einen Beamer.

Mein Bad in der Rigaer Straße 90er Jahre
Mein Badezimmer in der Rigaer Straße 90er Jahre

Tatsächlich war das Wohnzimmer dann für kurze Zeit warm, wenn man dann nach der Uni nach Hause kam. Es reichte zum Auftauen, doch dann hätte man nachlegen müssen. Das verursachte zwei Fragen: 1. Wie lange reicht dann die Kohle im Keller? 2. Wie viel kostet eine weitere halbe Tonne Kohle? Nach Erwägung dessen hat man auch die Option weiterer Pullover und Decken. Denn das Heizen mit Kohle hat einen weiteren üblen Nachteil: Es ist überall Dreck. Die leichte Asche schwirrt kaum angeschaut durch die Luft und man bekommt sie nie komplett in den Eimer bugsiert. Die Asche ist außerdem fein und der Staubsaugerfilter ist manchmal zu grob dafür. Und wenn man die warme Kohle zu früh aufsaugt, könnte das eine unbeachtete Glut anfeuern. Außerdem muss die Kohle irgendwo gestapelt werden und in deren Nähe sollte man weiße Wäsche oder weiße Wandfarbe tunlichst vermeiden. Das bringt mich zu einer weiteren Unannehmlichkeit der Kohleheizung. Man muss die Kohle darüber hinaus über vier Etagen von Altbauwohnungen mit einer Raumhöhe von über drei Metern tragen. Und über den Winter trägt man auf diese Weise also eine Tonne Kohle über diese vier endlos erscheinenden Etagen. Und mein Keller war zudem noch ganz hinten rechts, dann links, dann noch mal bis zur Mauer nach rechts. Der allerletzte Keller im weitverzweigten Kellersystem Friedrichshainer Altbauten. Das war der letzte Dreck!

Dennoch, und selbst wenn ich tatsächlich zwei Mal am Tag geheizt habe, kam ich selten über 15 Grad in dieser Altbauwohnung. Meiner Beschwerden zum Trotz war und blieb es kalt. Die WBS verstand mich nicht und lehnte meinen Einwand ab und ich fror – Winter für Winter. Im allerletzten Jahr, in dem Jahr, da ich umziehen wollte, traf ich zufällig den Hausmeister auf dem Hof. Tatsächlich traf ich den Mann noch nie zuvor. Es gab eigentlich gar keinen Hausmeister. Leider vergaß ich ihn darauf anzusprechen. Ich war aber auch zu geschockt von den Worten, die ich von ihm vernahm: “Ich war seit Jahren nicht mehr da oben im Dachgeschoss. Da war ja det Dachfenster uff.”

Entdecke die ganze Welt des Wilden Ostens. Der Überblick:

Wilder Osten. Kolumne über OstBerlin in den 90er Jahren. Wilder Osten. Kolumne über OstBerlin in den 90er Jahren. Wilder Osten. Kolumne über OstBerlin in den 90er Jahren. Wilder Osten. Kolumne über OstBerlin in den 90er Jahren. Wilder Osten. Kolumne über OstBerlin in den 90er Jahren. Wilder Osten. Kolumne über OstBerlin in den 90er Jahren. Wilder Osten. Kolumne über OstBerlin in den 90er Jahren. Wilder Osten. Kolumne über OstBerlin in den 90er Jahren.Wilder Osten. Kolumne über OstBerlin in den 90er Jahren.Wilder Osten. Kolumne über OstBerlin in den 90er Jahren.

2 Gedanken zu „Der Wilde Osten: Wohnen im Berlin der 90er Jahre

  • Rüdiger Weis

    Sehr schön, Ihr Blick in die Vergangenheit.

    Wir wohnten von 1962 bis 1968 auf der anderen Seite (Adalbertstraße 78) und haben ähnliche Erinnerungen, bezogen auf die Wohnung.

    Antwort
  • Schlaubi

    Text hätte noch redigiert werden müssen.
    Zuviel Kohle, zu wenig andere Aspekte des Wohnens im wilden Osten und ausschließlich die eigenen Verhältnisse beschrieben. Es ging auch anders!

    Aber ansonsten lesenswert und Erinnerungen hervorrufend …

    Antwort

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